Die zwölf Sinne - Sinneslehre

Die Sinne des Menschen in zwölf Bereiche zu gliedern ist ein Grundgedanke der Waldorfpädagogik. Meine Beschreibung der zwölf Sinne ist inzwischen sehr weit verbreitet und dient als Grundlage vieler Konzepte, Abschlussarbeiten und Vorträge. Ich danke für das Vertrauen. Beim Kopieren bitte die Quellenangabe nicht vergessen!

Es sind hier nur Auszüge meines Buches "Die zwölf Sinne des Menschen" online. Ich lade herzlich dazu ein, den vollständige Text als Taschenbuch zu bestellen.

 

Im Buch sind die zwölf Sinne ausführlicher beschrieben. Außerdem sind zu jedem Sinn neben der Beschreibung weitere Rubriken angefügt: "Erlebnis", "Organ" und "Entwicklung" sowie Beispiele zur Förderung und Sinnespflege. Auf den unteren vier Sinnen liegt inhaltlich der Schwerpunkt: Hier findet eine praxisgeprüfte und besonders ausführliche Aufzählung von Entwicklungsstörungen, ihren Folgen und Pflegemöglichkeiten der vier unteren Sinne seinen Platz.

Die zwölf Sinne des Menschen

Vollständig überarbeitete Neuauflage des Standardwerkes über die Grundlagen der Sinneslehre...

Die zwölf Sinne des Menschen

Neuauflage
Autor: Sebastian Knabe
80 Seiten, illustriert
17 x 24 cm, Softcover
ISBN: 978-3-7375-9063-1

Produktbeschreibung

15,80 €

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Sebastian Knabe: Die zwölf Sinne des Menschen. Handbuch pädagogische Praxis. (Auszüge)

Einführung in die 12 Sinne

Offenkundig haben wir zunächst fünf unterschiedliche „Sinnes-Tore“: die Ohren, die Augen, die Nase, den Mund und die Körperoberfläche. Des Weiteren kommen noch zwei Systeme hinzu: Das Gleichgewichtssystem (...) und auch unser Bewegungssystem (...) So haben wir also fünf bzw. sieben verschiedene Tore oder Sinnessysteme:

Diese sieben Sinne sind natürlich allgemein bekannt, wobei die letzten beiden Wahrnehmungen (Gleichgewicht und Bewegung) in der Regel nicht mitgezählt werden, wenn man von den „fünf Sinnen“ spricht.

 

In der populären Darstellung und Abgrenzung einzelner Sinne herrscht jedoch bei weitem keine Einigkeit, es scheint ein peripheres Gebiet der Biologie, Medizin und Psychologie zu sein. Unklar bleibt, wenn zuweilen vom „siebenten Sinn“ gesprochen wird, welches wohl die sechs anderen Sinne sein mögen.

 

Da die Sinneswahrnehmungen jedoch Grundlage unserer menschlichen Entwicklung sind, habe ich mit Freude nach größeren, ordnenden Gedanken zur Thematik der Sinneswahrnehmung gesucht. Ich habe dabei nicht die Allein- oder Allgemeingültigkeit der fünf bzw. sieben Sinne vorausgesetzt, obwohl diese einfach durch ihre Organe anschaulich ist und sich die Wirkensweise recht gut medizinisch und physiologisch aufzeigen lässt.

 

Es gibt auf dem Feld der menschlichen Wahrnehmungen durchaus noch weitere Eindrücke: Beispielsweise können wir Wärmeunterschiede spüren und verschiedene Schmerzen sowie Hunger und Durst, aber auch Freuden und Gelüste empfinden. Eine vollständige und in sich schlüssige Gliederung aller Wahrnehmungen wird durch die Gedanken Rudolf Steiners möglich. Seine Sinneslehre geht weit über eine bloße Aufzählung von Sinnesorganen hinaus. Aus ihr können zum Beispiel direkte Schlüsse zu Lernmethoden und Didaktik in der Pädagogik gezogen werden und sie bietet ein großes Feld der Forschung und Entdeckung im persönlichen Leben.

 

Die nun folgenden Gedanken dieses Buches sind das Ergebnis meiner fünfzehnjährigen Berufspraxis, in der ich reichliche Erfahrungen im Umgang mit dem System der zwölf Sinne Steiners sammeln konnte.

Die Sinnesleiter

Das Feld aller menschlichen Wahrnehmungen lässt sich in zwölf Bereiche gliedern. (...)

 

Die Reihenfolge der Sinne ist nicht zufällig gewählt. Bei dieser Aufzählung kann man von unten nach oben eine Verfeinerung des Wahrgenommenen bemerken. Geht man von der sehr materiellen, schon fast mechanischen Wahrnehmung einer Nervenreizung beim Tast-Sinn aus, steigt die Sinnesleiter in immer feinere und letztlich unstoffliche Qualitäten der Wahrnehmung an bis hin zur höchsten Fähigkeit: der Empathie – der Wahrnehmung des Persönlichsten des anderen Menschen. (...)

 

 

Es zeigt sich, dass sich die vollkommen subjektiven Eindrücke der untersten vier Sinne (Tast-, Lebens-, Eigenbewegungs- und Gleichgewichts-Sinn) direkt auf den Körper beziehen. Sie vermitteln die Wahrnehmungs- und Erfahrungswelt des eigenen Leibes. Darum werden sie auch „Leibes-Sinne“ oder „Körper-Sinne“ genannt. Diese stehen in einem engen Zusammenhang mit dem Stoffwechsel-Gliedmaßen-System des Menschen und gehören seelisch dem Bereich des Willens an. So bilden die Leibes-Sinne die erste Vierer-Gruppe innerhalb dieser Zwölfheit.

 

Auch die obersten vier relativ objektiven Sinne (Hör-, Wort-, Gedanken- und Ich-Sinn) könnten als eine Gruppe zusammengefasst werden, denn diese Sinne haben eine gewisse Verwandtschaft mit dem Denken und dem Bewusstsein. Ihre Wahrnehmungen beziehen sich auf Nichtstoffliches. Es sind die vier „Erkenntnis-Sinne“, die ihre leibliche Beziehung zum Nerven-Sinnes-System des Menschen haben und in ihrem Wahrnehmungsbereich dem der Seelenqualität des Denkens ähnlich sind.

 

In ihren Eigenschaften der Wahrnehmung gehen die vier mittleren Sinne (Geruchs-, Geschmacks-, Seh- und Wärme-Sinn) immer ein Mittelmaß zwischen Erkenntnis- und Leibes-Sinnen ein. So stehen sie in Wechselwirkung zwischen der subjektiven und der relativ objektiven Wahrnehmung. In ihren Eindrücken beziehen sie sich zwar auf die Außenwelt, aber die Wahrnehmung ist stark mit der eigenen Aktivität, dem eigenen Erleben und dem Fühlen verbunden. Diese „Sozial-Sinne“ oder „Gemüts-Sinne“ ermöglichen in ihrer Reihe nach oben hin immer „tiefere“ Erkenntnisse über die Qualität der stofflichen Welt. Die mittleren Sinne sind eng verbunden mit den rhythmischen Systemen des Menschen – also jenen Systemen, in denen hauptsächlich die Seelenqualität des Fühlens und des Gefühls ihre Wirkung entfaltet. (...)

 

Die Dreigliederung der zwölf Sinne ist für Pädagogen die interessanteste Gliederung. Aus ihr lässt sich leicht die Systematik verstehen, wie die oberen auf die unteren Sinne aufbauen. So ist heute immer mehr verbreitet, dass viel Bewegung nicht nur den Kreislauf stärkt und die Gesundheit fördert, sondern vor allem auch eine gute Entwicklung des Intellekts unterstützt. Darum wird die Förderung eines oberen Sinnes immer mit der Förderung des entsprechenden unteren Sinnes beginnen müssen. Hat beispielsweise ein Kind Legasthenie (Wortsinnes-Schwäche), kann man ihm mit motorischen Übungen (Trainieren des Eigenbewegungs-Sinns) helfen. (...)

 

Es sind bei einer Wahrnehmung immer mindestens zwei Sinne gleichzeitig tätig. Dabei ist es oft so, dass einer der wachen, „hellen“ Sinne (Seh-Sinn und Hör-Sinn) vordergründig wahrnimmt und durch andere in ihrer Intensität dumpferen Sinne bestätigt wird.(...)

 

Alle Sinneswahrnehmungen als Fähigkeit müssen immer von etwas abgegrenzt werden: dem eigenen Verstand. Bei den höheren Sinnen ist diese Grenze nur schwer erkennbar, weil sich zum Beispiel die Gedankenwahrnehmung auf den ersten Blick nur sehr wenig vom eigenen Denken abhebt, und trotzdem davon streng zu unterscheiden ist. Somit ist „rot“ eine Sinneswahrnehmung – die Erkenntnis „es ist rot“ entspringt aber dem bewussten Verstand und hat nichts mehr mit einer Wahrnehmung eines Sinnes zu tun. Es stellt sich für den interessierten Sinnesforscher die weiterführende Frage: In welchem Wesensglied des Menschen findet die Sinneswahrnehmung eigentlich statt? Wer oder was im engeren Sinne nimmt wahr? Sind es wirklich nur die viel beschriebenen Nerven, das Gehirn oder ist es vielleicht doch unsere Seele, die da z.B. „rot“ empfindet?

Tastsinn

Es ist davon auszugehen, dass über den Tastsinn am meisten gesprochen wird, weil er der unterste, der einfachste aller Sinne des Menschen ist und weil er so (an)fassbar, hand(be)greiflich ist. Innerhalb der Haut hat der Mensch durch verschiedene Berührungen Eindrücke. Somit erstreckt sich das Erlebnisfeld des Tastsinnes über die gesamte Hautfläche des Menschen. Interessant ist an dieser Stelle, dass der Mensch beim Tasten nicht die betastete Oberfläche bemerkt, sondern die Veränderungen innerhalb seiner eigenen Haut empfindet. Der Tastsinn vermittelt als Sinneserlebnis eben Eindrücke im eigenen Körper.

Die Tastsinneswahrnehmungen gehören zu den ersten Sinneserfahrungen des Menschen.(...)

Lebenssinn

Der Lebenssinn gibt dem Menschen ein Gefühl davon, wie es ihm geht und in welcher Verfassung sein gesamter Organismus ist. Gefühle wie Hunger, Durst und Schmerz sind typische Wahrnehmungen des Lebenssinnes. Alle Eindrücke des Lebenssinnes beziehen sich direkt auf das Allgemeinbefinden, auf den Status des eigenen Körpers.

Die Lebenssinneswahrnehmungen werden Erwachsenen im Alltag nur selten bewusst, weil sie so stetig sind. Man gewöhnt sich einfach daran und vergisst sie. Erst wenn sich etwas in der Organisation des Körpers nicht mehr im Einklang befindet – beispielsweise bei einem großen Mangel an Schlaf, Essen oder Trinken – empfindet man die Lebenssinneswahrnehmungen wieder bewusst. Immer seltener gibt es auch Momente, wo das Lebensgefühl so überdurchschnittlich gut ist, dass man sich selbst mit dem Lebenssinn als in bester Verfassung mit Wohlgefühl wahrnimmt. (...)

Eigenbewegungssinn

Die Wahrnehmungen der eigenen Bewegungen sind Eindrücke des Bewegungssinnes. Damit sind alle Lageveränderungen der Glieder zueinander, die Bewegungen des Kehlkopfes und sonstige Körperbewegungen gemeint, nicht jedoch Bewegungen, die der gesamte Körper im Sinne einer Ortsveränderung vollzieht. Ortsänderungen finden im Bezug zur Umwelt statt und werden z.B. mit dem Gleichgewichtssinn wahrgenommen.

Ein Kleinkind lebt direkt in den Bewegungen seiner Umgebung und kann Freude an ihnen empfinden. Es sind gerade Gesten und Bewegungen, die ein Kind ergreifen kann, daher ist der Eigenbewegungssinn als Grundlage der Nachahmung zu verstehen. In der Elementar- und Früherziehung spielt das Lernen mit dem Nachahmungsprinzip eine tragende pädagogische Rolle: Das implizite Lernen besonders im Kindergartenalter, hervorgegangen aus und praktiziert in der Waldorfpädagogik, ist als Methode neurowissenschaftlich belegt und wird mit stetig wachsendem Interesse allgemein anerkannt.

Später dient einem Erwachsenen ein gut ausgebildeter Eigenbewegungssinn dazu, sich ein Bild vom Gegenüber machen zu können. Wir lernen nämlich mit Kenntnis der eigenen Bewegungsdynamik wie Gesten, Mimiken, Gangart und Körperhaltung auch die des anderen Menschen zu verstehen. Es ist unser Eigenbewegungssinn, der uns beim Anblick eines fröhlich und leicht die Straße entlang hüpfenden Mädchens dessen Freude nachempfinden lässt. (...)

Gleichgewichtssinn / statischer Sinn

Die Empfindungen, die sich auf das Verhältnis eines Menschen zur Schwerkraft beziehen, sind die Folge der Wahrnehmungen des Gleichgewichtssinnes.

Er ist es, der ein Aufrechtstehen im Gleichgewicht von rechts-links und vorn-hinten ermöglicht. Durch ihn ist dem Kinde nach langer Zeit der Übung ein Privileg der Menschen möglich: das Stehen und der aufrechte Gang. Er ist es auch, der uns im Fahrstuhl und Flugzeug die teilweise unangenehme Beschleunigungsempfindung (auch im Bauch) gibt. Das beständig neue Erzielen des Körpergleichgewichtes, wie z.B. der senkrechten Haltung des Kopfes, geschieht normalerweise ohne willentliche Kontrolle direkt durch vom Vestibularorgan „gesteuerte“ Stellreflexe.

Die stetige, aber kaum bewusste Empfindung des eigenen Verhältnisses zur Schwerkraft, also des eigenen Gleichgewichts, ist eine fundamentale Empfindung (...)

Geruchssinn

Die bisher genannten vier unteren Sinne beziehen sich auf Verhältnisse innerhalb des eigenen Körpers. Riechen ist jedoch eine ganz feine Wahrnehmung des näheren Umfeldes. Das Riechen ist ein Distanzsinn, denn eine Berührung ist für den Geruchseindruck nicht notwendig.

Wir riechen nur gerade auftretende Gerüche, denn die Nase gewöhnt sich sehr schnell in eine Umgebung ein. Trotzdem sind die Geruchseindrücke sehr intensiv. Die extrem kurzen Nerven von den Riechschleimhäuten zur Riechrinde im Hirn sind ein gutes Bild für den „direkten Draht“ des Riechens: An viele Gerüche können wir uns ein Leben lang erinnern und sie können sofort stärkste Gefühle wie Sympathie oder Antipathie, Heimweh oder Ekel auslösen – sie haben einen starken und vollkommen subjektiv geprägten Einfluss auf das Seelenleben.

Riechen ist überwältigend, weil es gleichzeitig mit dem lebensnotwendigen Atmen stattfindet. Wir können einem Duft oder Gestank kaum ausweichen: „wegriechen“, „nicht hinriechen“ oder „losriechen“ gibt es nicht. Wir können darum ganz berauscht und betäubt werden von einem Duft, den wir gerne mögen (vielleicht ein Fliederbusch im Frühling) – oder auch für lange Zeit mit tiefem Abscheu behaftet sein. (...)

Geschmackssinn

Das Schmecken von in Wasser oder Fett gelösten Substanzen ist mit wesentlich mehr Aktivität verbunden als das Riechen. Die Geschmackseindrücke strömen nicht in uns ein, sondern entstehen, wenn wir etwas durch den Mund zu uns nehmen. Durch Zersetzen, Lösen und Verwandeln dringen wir dabei zur inneren Beschaffenheit der Stoffe vor.

Das Schmecken greift nicht direkt auf das Seelenleben zu. Es gibt ganz objektive Geschmacksrichtungen, die gut abgrenzbar sind und benannt werden mit salzig, bitter, süß, sauer und fettig-fleischig. (...)

Sehsinn / Gesichtssinn

Das Sehen ist allgemein bekannt und bedarf keiner ausführlichen Darstellung. Das menschliche Auge ist derart gestaltet, dass man den Eindruck gewinnt, es sei direkt aus den Gesetzen der Optik gewachsen.

Der Mensch kann mit seinen Augen die Farbe, die Form, die Helligkeit, die Lage (Bewegung und Entfernung) eines vom Licht beleuchteten oder leuchtenden Gegenstandes wahrnehmen. Die Qualität der Lichtdurchlässigkeit des Betrachteten gibt auch Aufschluss über die Oberflächenstruktur und die innere Beschaffenheit. Das Sehen ist der offensichtlichste Sinn des Menschen und weil er die anderen Sinne „überstrahlt“, ist nach ihm das Gesicht benannt. In unserer Gesellschaft haben die Augen bei den Sinnesorganen mit Abstand die größte Bedeutung, weil Information ganz im Vordergrund steht und diese meistens visuell übermittelt wird. (...)

Wärmesinn

Alle Wahrnehmungen von Wärmeveränderungen an der Körperoberfläche sind Empfindungen des Wärmesinnes. Diese Empfindungen haben wie die anderen mittleren Sinne (Geruchs-, Geschmacks- und Sehsinn) ebenfalls eine subjektive Prägung und sind abhängig von vielen Umständen, wie der Wärmeanpassung der Hautnerven, der Wärmeänderungsgeschwindigkeit, der Luftbewegung und Luftfeuchtigkeit, der Umgebungstemperatur, der eigenen Temperatur, sowie der seelischen Verfassung und letztlich auch der eigenen Erwartung.

Die Wärme strömt immer zum Kälteren und nur diese Strömung kann lokal im Vergleich zur Umgebung wahrgenommen werden. Bei Nichtberücksichtigung dieses Umstandes könnte man leicht zu dem Glauben kommen, tatsächlich objektiv gleich warmer Stahl und Schaumstoff wären bei ihrem Betasten ungleich temperiert. Diese Wahrnehmung ist keine Sinnestäuschung, sondern sie beruht auf der unterschiedlichen Wärmeleitfähigkeit der beiden Stoffe. Beim Stahl kann die Wärme viel schneller von der Hand ausströmen als beim wärmedämmenden Schaumstoff, darum wird Stahl als kälter empfunden. Wir gewinnen aus solchen Strömungsverhältnissen Aufschluss über die innere Beschaffenheit von Stoffen und haben eine relative Temperatureinschätzung der Umwelt (...)

Hörsinn / Tonsinn

Das Hören von Geräuschen, Klängen und Tönen ist die Wahrnehmung, die dem Hörsinn zugeordnet wird. Mit diesem Wahrnehmungsfeld ist der Hörsinn der unterste der vier Erkenntnissinne. Hier ist der subjektive Anteil des Wahrnehmenden wesentlich kleiner als bei den vier Sozialsinnen, drum wirken die Empfindungen objektiver.

Das Hören gibt ebenfalls Aufschluss über die innere Beschaffenheit der Umwelt. Vielleicht in einem noch „tieferen“ Sinne als beim Wärmesinn, denn ob ein Gegenstand hohl ist oder vielleicht eine Strukturanomalie wie einen Riss oder Sprung hat, enthüllt sich u.U. keinem Sinn unterhalb des Hörsinnes. Beispielhaft seien hier die unterschiedlichen Klänge von Holz und Stahl genannt, oder die verschiedenen Resonanzen von leichtem und schwerem Holz, die in ihrem Klang etwas von der Art der Stofflichkeit (z.B. über die Dichte) aussagen. Weiterhin ist auch das Hören von menschlichen und tierischen Lauten (nicht jedoch das Verständnis bzw. die Interpretation derselben) im Hörsinn mit inbegriffen. (...)

Wortsinn / Sprachsinn

Die Wahrnehmung des Sprachsinnes ist das Erkennen und Heraushören von Lauten, Silben und Worten. Grundlage dieses Erkenntnisvorganges können Schriften, gehörte Sprache – aber auch Zeichen, Bewegungen, Gebärden, Wimpelstellungen usw. sein. Mit dem Wortsinn kann man eine Sprache als solche (mit einem Sinngehalt) erkennen, ohne sie tatsächlich zu kennen.

Als Illustration der Sprachsinneswahrnehmung sei ein Beispiel aufgezeigt: Zwei Kinder haben sich eine Zeichensprache verabredet, und nun beginnen sie miteinander in dieser zu kommunizieren. Wenn nun ein Beobachter als Dritter zugegen ist, werden ihm die Fingerbewegungen der Kinder zunächst eine Weile zufällig und bedeutungslos erscheinen. Aber irgendwann kommt der Moment, vielleicht ausgelöst durch verschiedene Wiederholungen einzelner Fingerbewegungen, wo der Beobachter erkennt: Es steht eine Bedeutung hinter den Bewegungen, sie sind Ausdrücke einer Kommunikation. Diese Wahrnehmung mit dem folgenden Erkenntnisprozess ist ein Tätigwerden des Sprach- oder Wortsinnes.

Warum ist es nötig, den Sprachsinn als eigenen Sinn vom Intellekt abzugrenzen? Schließlich könnte man das Wahrnehmen von Lauten und Worten als ein Spezialfall des Hörens oder Teil des Intellekts ansehen. (...)

Gedankensinn / Begriffssinn

Das Verstehen des Gedankens (oder des Begriffes) von Wörtern, Sätzen, Zeichen, Symbolen, Piktogrammen, Blicken usw. ist eine Tätigkeit des Gedankensinnes. Man benötigt einen relativ hohen Grad an Wachheit und Selbstbewusstsein, um den Gedanken zu erfassen, der beispielsweise durch Schrift ausgedrückt wurde. (...)

Ich-Sinn

Die höchste Wahrnehmung eines Sinnes ist die Fähigkeit, die Wirkung einer Persönlichkeit erleben zu können. Der Ich-Sinn, der in der Umgangssprache Menschenkenntnis genannt wird, kann das Ich eines anderen Menschen unmittelbar empfinden.

Gemeint ist damit nicht die Wahrnehmung des eigenen Ich-Bewusstseins oder der feststellende Eindruck: „Er hat ein Ich“, sondern ein differenziertes Empfinden der anderen Persönlichkeit. (...)


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