Vorschulaufgaben im Kindergarten

Vorschulaufgaben sind besondere Tätigkeiten für die Kinder, welche voraussichtlich im nächsten Schuljahr eingeschult werden. Sie sollen der besonderen Rolle der Vorschulkinder als "Gruppen-Älteste" gerecht werden, und das Kind auf schulische Anforderungen vorbereiten.

Förderung und Möglichkeiten

Inhalt

Vorschulaufgaben haben durch ihre besondere Stellung im Tagesablauf eine Wirkung auf die ganze Gruppe, denn sie sind nur für die "Großen". Die Teilung der Gruppe hat ihre Vor- und Nachteile: Die verbleibenden Kinder sind einmal ganz in Ruhe unter sich - aber es fehlen ihnen auch etwas die Ideen und Spielpläne der Größeren.
Ebenso freuen sich die Vorschulkinder sehr über die zusätzliche Aufmerksamkeit - aber sie werden sich damit auch ihrer Stellung und der bevorstehenden Einschulung bewußt. Sie integrieren sich nach getaner Arbeit gerne und schnell wieder in die Gruppe.
Dieser Wechsel der Vorschulkinder zwischen "Extraförderung" und Wiedereintauchen in die Gruppe kann das Sozialgefüge der ganzen Gruppe differenzieren und bestärken - aber im ungünstigen Fall auch Überforderungen und Spannungen entstehen lassen. Die Durchführung von Vorschulaufgaben und die mit ihr verbundene zeitweilige Alterstrennung der Kinder ist darum oft erst pädagogisch sinnvoll, wenn sich die Gruppe gut zusammengefunden hat. Ich empfehle darum, mit den Vorschularbeiten frühestens nach den Weihnachtsferien zu beginnen.
Auf jeden Fall sollten wir Erzieher uns selbst und unsere Kinder weitgehend vom Erfüllungsdruck der Vorschulaufgaben befreien. Allzuleicht entsteht durch zu hohe Erwartungen der Eltern der Eindruck, daß Vorschulaufgaben mit dem Erreichen bestimmter Ziele stattfinden müssen - und dies ist dem Alter der Kinder nicht angemessen. Wir sollten uns die Freiheit nehmen, entsprechend der jeweiligen Gruppensituation reagieren zu können. Vorschulaufgaben sind vom Charakter eine Auszeichnung, keine Sonderaufgabe.

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Förderung und Möglichkeiten der Vorschulaufgaben

VorschuleVorschulaufgaben sollen dem Vorschulkind die Möglichkeit geben, sich selbst besser kennenzulernen, und einschätzen zu können - und damit seine Fähigkeiten zu erweitern. Die Aufgaben können durchaus fordernden Charakter haben, aber das Kind sollte freudig daran teilnehmen können. Auf jeden Fall müssen Vorschulaufgaben erfüllbar sein.
Jedoch läßt die Förderung von Fähigkeiten ein Kind nicht automatisch schneller reifen. Vorschulaufgaben im Kindergarten sind nur sehr bedingt dafür geeignet, die Schulreife zu unterstützen, weil sie größtenteils aus vorgegebene Lerninhalten bestehen. Das für die Schulreife notwendige selbstbestimmte Spielen, Probieren und Lernen wird damit kaum erübt.
Jedes Kind entwickelt sich in seinem eigenen Tempo. Es treten im Vorschulalter ganz natürliche Entwicklungsunterschiede einzelner Fähigkeiten der Kinder bis zu einem Jahr auf. Darum sollten Vorschulaufgaben mit der individuellen Entwicklung des Kindes abgestimmt und auch angepaßt werden. Die Förderung einzelner schulrelevanter Fähigkeiten durch Vorschulaufgaben ist ein Eingriff in individuelle Entwicklungsverläufe des Kindes und nicht im Sinne der Waldorfpädagogik.
Folgende Fähigkeiten können durch Vorschulaufgaben gefördert werden:

Förderbereich: Bemerkung:
motorische Fähigkeiten

Das größte Förderpotential der Kinder ist ihre Bewegung. Vorschulaufgaben fördern in der Regel die Feinmotorik.
sensitive Fähigkeiten


Um die Sinnes-Wahrnehmungen zu schulen und zu differenzieren ist heute ein breites Angebot an Sinnesparcours vorhanden. mehr zum Thema Sinneswahrnehmung
soziale Fähigkeiten














Die Sozialkompetenz der Kinder wird entsprechend dem waldorfpädagogischen Konzept nicht direkt gefördert, sondern findet durch die Teilnahme an der Vorschularbeit statt.
Die Kinder lernen, eine Arbeit kontinuierlich über mehrere Tage fortzuführen. Sie lassen sich damit nicht wie bisher im Spiel von der Umgebung anregen, sondern handeln motiviert durch die Aufgabenstellung. Das eigene Handeln nach einer Sache oder einem Plan ist ein Übfeld der Selbstmotivation. Wenn die Anforderungen der Aufgabe angemessen ist, kann ein Vorschulkind seine Willenskraft und Selbständigkeit damit schulen.
kognitive Fähigkeiten


Vorschulaufgaben sollen nicht das schulische Lernen vorwegnehmen, sondern die Möglichkeiten dafür anlegen. Rudolf Steiner Zitat dazu...
Sprachkompetenz








Die Vorschulaufgaben im Waldorfkindergarten haben selten die Sprachförderung als Schwerpunkt. Dennoch ist die Sprachkompetenz der Waldorfkinder regelmäßig sehr gut, da alle Kinder durch den Reigen und viele andere Sprach-Angebote tägliche Anregungen erhalten.
Mehr zum Thema Sprachförderung von Rose Götte.

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Natürlichkeit von Vorschulaufgaben

In der Praxis haben die Vorschulaufgaben die Tendenz, die Grundprinzipien der Waldorfpädagogik des ersten Jahrsiebts zu verlassen. Beispielsweise ist dies die Förderung der Feinmotorik durch das Weben. Natürlich fördert das Weben die Feinmotorik - aber es ist Stoff der Unterstufe - und nicht des Kindergartens. Natürlich können (und sollten!) Kinder jeden Alters an handwerklichen Tätigkeiten teilhaben: webt also die Erzieherin gerne, dann ist das ein wunderbares Geschenk für die ganze Gruppe und es ist eine große Freude, es "auch mal zu versuchen". Eine Vorschulaufgabe ist das jedoch nicht.
Eine weitere Gefahr ist das Erfinden lebensfremder Aufgaben für Vorschulkinder, um sie besonders intensiv zu fördern. Dies ist ein Irrtum: jeder Mangel an Lebensbezug und Echtheit im Alltag - auch bei den Vorschulaufgaben - trainiert die Akzeptanz von unsinnigen Anforderungen und schwächt damit später das Selbstbewußtsein.

Ihr Sebastian Knabe

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