Eindrücke aus der Sonnenklasse Schuljahr 06 / 07

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Bericht von B. Bisinger:
Gerne schreibe ich meine Eindrücke in der Sonnenklasse auf, denn ich bin froh, dass ich zum Ende meiner Ausbildung und zu Beginn meiner eigenen Lehrertätigkeit in der Eingangsklasse bei Euch zu Besuch sein durfte.

Sechs Tage bin ich zu Gast in der Sonnenklasse der Freien Waldorfschule Berlin-Südost und darf mich umschauen und wirklich Gast sein. Ich darf einfach sein und mich sogar wohl fühlen, und das ist nicht nur so gesagt, sondern auch gemeint. Ich darf den Besucherplatz einnehmen ohne nonverbale Erwartung: doch mal kurz dieses und jenes zu machen, wenn ich schon einmal da bin. Ich kann mich sogar soweit zurücklehnen und beobachten, dass ich mehrmals denke: ah, jetzt wird es interessant, wie wird Sebastian wohl mit dieser Situation umgehen? Ich bemerke, dass sich auch Sebastian Zeit mit der Reaktion lässt und einen Moment verstreichen lässt, bevor er reagiert. Und jedes Mal ist seine Reaktion auf eine pädagogisch- brenzlige Situation eine kleine Überraschung, etwas, mit dem ich nicht gerechnet habe.

Mein Besucherstatus ist klar und damit ist schon eine grundlegende Erfahrung in dieser Gruppe geschildert. Denn auch die Kinder strahlen große Selbstverständlichkeit und innere Sicherheit aus. Sie haben ihren Platz und lassen sich nicht von meinem Besuch irritieren. Sie vereinnahmen mich weder, noch wehren sie sich: Sie haben beides nicht nötig. Ab und zu beziehen die Kinder mich auch mit ein, ansonsten kann ich wirklich beobachten.

Die innere Sicherheit der Kinder zeigt sich sowohl in der seelischen Geste als auch in der motorischen Beweglichkeit. Am ersten Tag bin ich schon erstaunt, wie die Kinder auf dem Schrank und in den Regalen turnen oder gewagte Konstruktionen bauen. Sie turnen nicht etwa auf TÜV-geprüften Geräten. Die Kinder sind gewohnt, selber zu prüfen, ob etwas trägt, und wissen, was sie sich zutrauen können. Außerdem sehe ich, dass Leiter und Regal verstärkt sind. Die Botschaft von den Erwachsenen an die Kinder ist nicht: "Macht nur, es passiert nichts." Sondern: "es kann etwas passieren, aber macht es trotzdem!"

Als z.B. besprochen wird, was für ein gefährliches Unternehmen das Färben von Wolle auf offener Feuerstelle ist, schlägt ein Kind vor, die Feuerstelle abzusperren. Die Reaktion der Erwachsenen darauf: "Nichts da, da wird nichts abgesperrt, sondern ihr passt auf." Die Kinder werden also nach ihrem Vermögen in die Verantwortung genommen und damit in die Selbständigkeit geführt.

Manchmal, wenn ich spüre, dass die Kinder Angst haben z.B. bei dem Parcours im Zimmer, geht mir die Selbständigkeit ein wenig zu weit, da würde ich persönlich Zwischenschritte anbieten. Die Selbständigkeit führt dazu, dass die Kinder gut hören und gehorchen. Es wird wenig geschimpft und gemeckert, die Stimme muss nie erhoben werden. Eine wirkliche Erholung als Hospitantin, denn die erhöhte Stimmlage ist auch gerade für die unbeteiligten Zuhörer, Kinder wie Erwachsene, anstrengend. Wenn etwas tadelnswert ist, wird das in ruhiger, unaufgeregter Weise festgestellt. Das hat eine völlig andere Qualität, als wenn die Erzieher ein "Machtwort" sprechen. Die Ruhe, die auf eine solche Feststellung einsetzt, ist unglaublich: die Kinder staunen und haben überhaupt nicht das Bedürfnis zu diskutieren. Wenn etwas verboten wird, ist das klar und bietet den Kindern Orientierung.

Viele Situationen kommen aber gar nicht zur Eskalation, weil die Erzieher, vorher eingreifen und z.B. einem Kind, dass sich bald in einen größeren Streit verwickeln wird, eine Extraaufgabe geben. Auch kleine heilpädagogische Interventionen finden ohne große Betonung ihren Platz. Sicher ist es auch eine Begabung, trotz der Zuwendung zu einem einzelnen Kind die Gruppe im Auge zu behalten. Und manchmal habe ich mich gefragt, ob du nicht doch hinten Augen hast, Sebastian?

Eines möchte ich noch erwähnen, weil es heute ungewöhnlich ist. Das ist der feine Respekt vor dem Erwachsenen, der den Kindern vermittelt wird. Am ersten Tag bin ich erstaunt, dass den Erwachsenen zuerst ihr Essen gebracht wird und dass Erwachsene manchmal etwas dürfen, was die Kinder nicht dürfen, z.B. im Wald schon mal ins Brot beißen. Aber ich bemerke, dass die Kinder diesen Respekt gerne annehmen und ich höre von keinem Kind das so häufige: „Du aber auch“. Sie spüren, dass die Sonderrolle ja auch in ihrem Interesse liegt, dass dadurch die Erzieher für sie präsent sein können. Der Respekt vor den Erwachsenen wird auch vorgelebt: beide, Erzieher und Erzieherin, behalten ihren eigenen Stil im Umgang mit den Kindern bei und akzeptieren den jeweils anderen Stil.

Die Kinder üben und erproben sich unermüdlich in Kunststücken an der Schaukel, beim Klettern in den Bäumen, an der Spree. Sie hacken Holz, sammeln Schrott für ein besonders sammelwütiges Kind und sind immer beschäftigt. Das sehr Entspannende ist: Es ist stimmig: es stimmt zwischen den Erziehern und den Kindern. Diese Authentizität spiegelt sich in der Sicherheit der Kinder wieder. Beeindruckt bin ich, wie schnell die Kinder gemeinsam das Zimmer aufräumen. Auch sonst machen die Kinder wirklich fast alles selbständig. Manch höhere Klasse könnte sich etwas von dieser Teamarbeit abgucken.

Wenn eine Klasse schon mit diesen sozialen Fähigkeiten in die erste Klasse eingeschult wird, wird Zeit und Energie für das Lernen frei. Denn nach meiner Erfahrung in den unteren Klassen wird oft der größere Teil der Energie sowohl der Kinder als auch der Lehrer für die Herstellung einer Disziplin benötigt, damit überhaupt Lernen stattfinden kann.

Die Kinder lernen viel und jedes Kind lernt dazu sozial, grobmotorisch, feinmotorisch, rhythmisch, sprachlich etc. Die Unterrichtsinhalte sind nicht in schulähnliche Versammlungen gepresst, aber sie finden individuell für jedes Kind statt.

Ich glaube, es ist Euch gelungen ein eigenes Konzept für die Vorschulklasse zu entwickeln, kein Stückwerk aus Kindergarten- und Schule. Es würde sich ja anbieten, aus beiden Sphären Anteile zu übernehmen, aber glaube ich nicht, dass es so gut funktioniert. Entsprechendes habe ich woanders auch beobachten können. Die Disziplinfrage dominiert dann leicht die kurzen Schuleinheiten. Ich nehme sehr viel von meiner Hospitation mit. Vor allem fühle ich mich dazu ermutigt, meine künftige Klasse so zu führen, wie es mit mir stimmig ist.

Vielen Dank!

Barbara Bisinger

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